Das gesellschaftliche Miteinander neu organisieren – Stadtplanung im Zeichen des demografischen Wand

Die ehemalige Münchner Stadtbaurätin Christiane Thalgott spricht im Film über ihre Vorstellungen
„Menschen mit Lasten oder Menschen, die alt waren, kamen überhaupt nicht vor in den Bildern und Zielen derjenigen, die Stadt gebaut haben.“ Die Sicht einer Stadtplanerin auf die Arbeit ihrer Fachkollegen in den zurückliegenden Jahrzehnten. Lange hätten mittelalte kräftige Leute, ganz überwiegend Männer, für junge kräftige Leute geplant, diagnostiziert Prof. Christiane Thalgott, ehemalige Stadtbaurätin in München, heute Lehrbeauftragte der Technischen Universität der Stadt.
Als Vertreterin der Städte und Gemeinden hatte Thalgott wesentlichen Anteil an der Erarbeitung des zweiten Altenberichts der Bundesregierung, der 1998 erschien und mit seinen Expertisen zum Thema ‚Wohnen im Alter‘ die Grundlage für die aufkommende öffentliche Diskussion dazu bot. Wissenschaftliche Studien hatten damals ergeben, dass sich der überwiegende Teil der älteren Bevölkerung in der trügerischen Sicherheit wähnte, in einer „alterstauglichen“ Wohnung zu leben. Die Voraussetzungen für die mehrheitlich gewünschte möglichst lebenslange Selbstständigkeit in den eigenen vier Wänden waren also äußerst ungünstig.
Die Konsequenzen daraus waren regelmäßig Gegenstand der Beratungen, die die Stadtbaurätin Thalgott mit den Bürgermeisterinnen der Region München führte. Meist über eine frühere Verantwortung für den Bereich Soziales in ihr Amt gelangt, waren diese Frauen sensibilisiert für das Thema Wohnen im Alter. Männliche Politiker hatten die Herausforderung dagegen ebenso wenig auf der Agenda wie die Wohnungsbaugesellschaften.
Zumindest die städtischen Gesellschaften mussten ihre Planungskriterien auf Thalgotts Einwirken hin ändern. Bei neuen Projekten mit städtischer Förderung waren fortan die Bedürfnisse alternder Menschen zu berücksichtigen. Stand dabei früher die bauliche Beschaffenheit der Wohnung im Mittelpunkt, kommen heute zwei weitere Aspekte hinzu: Versorgung und Kommunikation. Beide Funktionen hatte bisher traditionell die Familie und ihr Umfeld übernommen.
Schon heute aber lebt über die Hälfte der Stadtbewohner in einem 1-Personen-Haushalt. Die Familienstrukturen ändern sich dramatisch. Stadtplaner müssen eine Vorstellung entwickeln, wie diese alleinstehenden Menschen im Bedarfsfall zu versorgen sind. Für die Lehrbeauftragte der TU München keineswegs nur ein altersbezogenes Thema, denn auch ein junger kerngesunder Mensch könne plötzlich etwa durch einen Skiunfall auf Hilfe angewiesen sein.
Wo Menschen sich nicht mehr wie früher zwangsläufig in der Familie begegnen, ist auch das allgemeine Miteinander neu zu organisieren. Stadtplanung müsse Gelegenheit zur Kommunikation schaffen – durch „Räume mit Aufenthaltsqualität“, wie Thalgott es nennt, wo man sich beiläufig treffen könne und möglichst kein Geld ausgeben müsse. Auch für dieses Ziel will Thalgott städtische Wohnungsbaugesellschaften in die Pflicht nehmen. Großes Potenzial sieht sie im genossenschaftlichen Bauen, während auf den privaten Wohnungsbau diesbezüglich noch kaum zu zählen sei. Auf teurem Pflaster wie München gemeinsame Nutzflächen einzuplanen, triebe die Quadratmeterpreise nur noch weiter in die Höhe. Die nötigen Angebote könnten hier nur quartierweise zur Verfügung gestellt werden. Thalgott schenkt auch in diesem Zusammenhang Genossenschaften großes Vertrauen und verweist auf die Institution im Münchner Westend, die nicht nur ihren Betreuungsservice, sondern auch ihren Treffpunkt für Nichtmitglieder aus der Nachbarschaft öffne.
Näheres über Prof. Thalgotts Vorstellungen zu den Anforderungen an den Städtebau in Zeiten des demografischen Wandels sehen Sie in einem Film, der im neuen Portal „Wohnen-fuer-morgen*“ zum Abruf bereit steht.

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